{"id":1599,"date":"2011-05-25T08:46:47","date_gmt":"2011-05-25T07:46:47","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtforum-altenburg.de\/?p=1599"},"modified":"2011-05-25T15:24:47","modified_gmt":"2011-05-25T14:24:47","slug":"wie-ostdeutsche-stadte-mit-abrissen-ihr-historisch-kulturelles-ansehen-verschleudern-die-welt-25-mai-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtforum-altenburg.de\/?p=1599","title":{"rendered":"Wie ostdeutsche St\u00e4dte mit Abrissen ihr historisch-kulturelles Ansehen verschleudern &#8211; Die Welt, 25. Mai 2011"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color: #808080;\">Leipzig, Weimar, Altenburg: Wie ostdeutsche St\u00e4dte mit Abrissen ihr historisch-kulturelles Ansehen verschleudern.<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">Von\u00a0Dankwart Guratzsch<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">Die Denkmalbest\u00e4nde der neuen Bundesl\u00e4nder, m\u00fchsam genug \u00fcber Krieg und SED-Herrschaft her\u00fcbergerettet und inzwischen zumindest teilsaniert: Beginnen sie schon wieder zu wanken? Gerade erst ist nach heftigen Protesten von Denkmalpflegern aus ganz Deutschland eine Demontage des Denkmalschutzgesetzes von Sachsen abgewendet worden, da kommen fast t\u00e4glich neue Hilferufe f\u00fcr den Erhalt bedrohter Einzeldenkmale aus mitteldeutschen St\u00e4dten. Den Denkmal\u00e4mtern sind die H\u00e4nde gebunden. Die Stiftung Denkmalschutz protestiert vergebens, bei Bundesregierung und L\u00e4nderministerien bleibt sie ungeh\u00f6rt.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">In Leipzig sind die W\u00fcrfel schon gefallen. Der letzte Repr\u00e4sentativbau der Alten Messe wird mit dem Segen der Landesdirektion abgerissen: das Ensemble der Messehallen 1-3. Umsonst der Appell der Leipziger Denkmalstiftung: &#8222;Die drei Messehallen von Curt Schiemichen haben einen hohen architektonisch-gestalterischen und zugleich auch einen au\u00dferordentlich historischen Wert aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte in dem Zeitraum von 1928 bis 1937.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">An sich h\u00e4tte das jeder Leipziger auch ohne Fachgutachten wissen k\u00f6nnen. Doch die Stadt schaltete den Denkmalschutz erst gar nicht ein. Es ging um &#8222;Nazibauten&#8220;, deren Entw\u00fcrfe (\u00e4hnlich jenen f\u00fcr das Berliner Olympiastadion) aus den zwanziger Jahren stammten, aber nach einem Besuch Hitlers \u00fcberarbeitet werden mussten, ehe sie 1937 endlich realisiert werden konnten. Sie werden nun einem M\u00f6belmarkt geopfert, der nur ein Fassadenst\u00fcck der mittleren Halle 2 erh\u00e4lt. &#8222;Verloren gehen an denkmalwerter Bausubstanz insbesondere die Natursteinfassade von Halle 1, die Hallenkonstruktion von Halle 3, der Mittelbau mit durchgehendem Oberlicht von Halle 2 und nicht zuletzt die Baufluchten zur Prager Stra\u00dfe,&#8220; klagt das Leipziger Stadtforum, ein B\u00fcrgerverein, der bis zuletzt um das Baudenkmal gek\u00e4mpft hatte. Das einzige, was er erreichen konnte, ist ein Architektenwettbewerb f\u00fcr die Fl\u00fcgelbauten, die &#8211; welche Groteske! &#8211; zumindest die &#8222;Anmutung des alten Zustandes&#8220; vermitteln sollen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">In Weimar verh\u00e4lt es sich kaum besser, wider alle Bedenken von Professoren der Bauhaus-Universit\u00e4t, der Denkmalpflege sowie engagierter B\u00fcrgervereine. Der Fall ist deshalb delikat, weil es um ein Ensemble geht, das seine Errichtung keinem Geringeren als Goethe verdankt: das einstige Schie\u00dfhaus (1803-05). Goethe hatte es im herrlichen Park an der Ilm platziert, nur um die Anlage vor einer Verbauung der Sichtachsen am alten Standort zu sch\u00fctzen. Herzog Karl August, der im Unterschied zu manchem Planungsdezernenten von heute noch gestalterisches Feingef\u00fchl besa\u00df, hatte ihm daf\u00fcr eigens Grundst\u00fccke zur Verf\u00fcgung gestellt. Mit diesem Areal will die Stadt jetzt Gesch\u00e4fte machen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">Sieht man sich an, wie der einzigartige, von Goethe selbst angelegte gro\u00dfe Ilmpark seit DDR-Zeiten zunehmend schrumpft, wie ihm von allen Seiten zuerst Plattenbauten, zuletzt billige Investorenbuden immer n\u00e4her ger\u00fcckt sind, so muss man sich wundern, dass B\u00fcrgerinitiativen nicht schon l\u00e4ngst dagegen rebelliert haben. Jetzt soll die zentrale Allee des Schie\u00dfhauses mit Einzelh\u00e4usern vollgestopft werden. Und wieder wird versucht, den B\u00fcrgern ihre Zustimmung mit einem minimalen Zugest\u00e4ndnis abzukaufen. Auf zwei Geb\u00e4ude direkt vor dem denkmalgesch\u00fctzten Bau soll verzichtet werden &#8211; aber nur um den Preis nochmaliger Verdichtung der Neubebauung. F\u00fcr die B\u00fcrgerinitiative eine Trag\u00f6die der Instinktlosigkeit. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">In beiden F\u00e4llen geht es letztlich um dasselbe Problem: Ihrer gigantischen Verschuldungslast versuchen die Kommunen mit der Verh\u00f6kerung ihres Tafelsilbers zu entrinnen. Doch so sang- und klanglos wie fr\u00fcher l\u00e4sst sich der Ausverkauf nicht mehr durchziehen. B\u00fcrgerinitiativen und &#8222;Stadtforen&#8220;, in denen ehemalige Planer, Architekten und Juristen mitarbeiten, bilden Netzwerke \u00fcber den ganzen S\u00fcden Ostdeutschlands hinweg, rufen Mitb\u00fcrger auf die Barrikaden und alarmieren Medien. Wie erfolgreich sie dabei sein k\u00f6nnen, zeigt das dritte prominente Beispiel: der Marktplatz der alten th\u00fcringischen Residenzstadt Altenburg. In der Farbenpracht und im Abwechslungsreichtum seiner traufst\u00e4ndigen H\u00e4user aus vielen Jahrhunderten ist er von einer Lebendigkeit und Frische, wie sie Touristen aus italienischen und spanischen St\u00e4dten kennen. Doch nun soll er endg\u00fcltig aufgebrochen werden, um Neubauten der st\u00e4dtischen Wohnungsgesellschaft durchzusetzen, die sich des Segens von Oberb\u00fcrgermeister Michael Wolf (SPD) erfreut. Morgen f\u00e4llt die Entscheidung. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">Um \u00fcberhaupt soweit zu kommen, musste das Unternehmen seine Pl\u00e4ne schon erheblich modifizieren; denn was niemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten hatte, geschah: Die flugs gegr\u00fcndete B\u00fcrgerinitiative &#8222;Stadtforum Altenburg&#8220; entfachte einen Proteststurm weit \u00fcber Altenburg hinaus und verband sich daf\u00fcr mit den Stadtforen in Leipzig und Chemnitz. Statt des zuerst geplanten Einkaufszentrums sollen nun \u00fcberwiegend Wohnh\u00e4user mit L\u00e4den in der Parterrezone entstehen. Allerdings m\u00fcssen zwei besonders charakteristische Altbauten weichen: ein Gr\u00fcnderzeit- und ein Barockhaus, die mit dem dahinter aufragenden roten Backsteinturm der Br\u00fcderkirche den Blickfang der ganzen Platzanlage bilden. Der fein proportionierte Gr\u00fcnderzeitbau muss einem piefigen Neubau weichen, vom Barockhaus bleibt nur die Fassade. Dahinter will der Investor Autostellpl\u00e4tze schaffen &#8211; f\u00fcr das Stadtforum Altenburg eine Obsz\u00f6nit\u00e4t. &#8222;Wir weisen nach&#8220;, so Sprecher Johannes Schaefer, &#8222;dass man alles erhalten kann.&#8220; <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">Die historisch-kulturelle Reputation ist das wertvollste Gut, von dem die ostdeutschen St\u00e4dte im \u00dcberlebenskampf der bevorstehenden Schrumpfungsjahrzehnte zehren m\u00fcssen. Viele B\u00fcrger haben daf\u00fcr ein feines Gesp\u00fcr entwickelt &#8211; so manchem Politiker nicht nur in den neuen L\u00e4ndern ist es bis heute fremd.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article13392680\/Ein-guter-Standort-fuer-ein-Moebelhaus.html?print=true#reqdrucken\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">Die Welt, 25. Mai 2011, Nr. 121, S. 23<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leipzig, Weimar, Altenburg: Wie ostdeutsche St\u00e4dte mit Abrissen ihr historisch-kulturelles Ansehen verschleudern. Von\u00a0Dankwart Guratzsch Die Denkmalbest\u00e4nde der neuen Bundesl\u00e4nder, m\u00fchsam genug \u00fcber Krieg und SED-Herrschaft her\u00fcbergerettet und inzwischen zumindest teilsaniert: Beginnen sie schon wieder zu wanken? 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