Einkaufszentren und Denkmalschutz – DenkmalDebatten 2011

Handel im historischen Stadtkern – Einkaufszentren und Denkmalschutz

Von Katja Hoffmann / DenkmalDebatten – Informationsplattform der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Trotz stagnierender Bevölkerungszahlen haben sich die Einzelhandelsflächen in Deutschland seit 1980 fast verdoppelt – von 63 auf heute etwa 120 Millionen Quadratmeter. Von der grünen Wiese dringen Einkaufszentren seit einigen Jahren bis in die Altstädte vor. Dort stören sie schutzwürdige Ensembles, ignorieren bestehende Straßenführungen, Parzellengrößen, Geschosshöhen sowie Sichtbeziehungen zwischen stadtbildprägenden Bauwerken und sorgen für Denkmalverluste. Unter Beanspruchung immenser Flächen und geringer Bezugnahme auf die umgebende Architektur werden Einkaufszentren in historisch geprägten Ortsstrukturen nach einem Schema errichtet, das sich längst als nicht integrierbar erwiesen hat, sich in der Überführung von der Peripherie in die Mitte aber scheinbar noch immer rechnet.

Die Städte sind mit dem Aufblühen des bürgerlichen Handels gewachsen. An ihrer baulichen Schichtung seit der frühen Neuzeit ist bis heute ablesbar, dass wirtschaftliches, bürgerschaftliches und kulturelles Leben lange Zeit eng miteinander verflochten waren. Mit der fortschreitenden Entmischung in Wohn-, Arbeits-, Erholungs- und Versorgungsbereiche im 20. Jahrhundert wurde die City zum Büro- und Geschäftsstandort, bis der Handel im Zuge von Motorisierung und Suburbanisierung noch weiter nach außen rückte. An Verkehrsknotenpunkten bildete er große Shopping-Center aus, die den städtischen Zentren zusetzten. Im Osten Deutschlands ist der in den Nachwendejahren gediehene Standort grüne Wiese weiterhin stark, doch der Gesamttrend kehrt sich seit einigen Jahren um.

Dass der Handel zurück in die Städte kommt und damit auch die Chance einer Revitalisierung der historischen Stadtkerne mit sich bringt, ist zu begrüßen. Die kompakten, gemischt genutzten Kernzonen der Städte erleben ein Comeback, werden wieder als kulturelle Zentren geschätzt. Vielen Menschen gilt ein Quartier, in dem das eigene Leben mit kurzen Wegen organisiert werden kann, als Vorzug. Und wird in das Zentrum der Städte investiert, kann das Wohnen dort attraktiver und die Nahversorgung verbessert werden.

Eine Wiederbelebung der Innenstädte ist nur in den seltensten Fällen zu erreichen, ohne die historisch gewachsene Bebauung zu tangieren.

„Die Deindustrialisierung mit dem Freiwerden großer Industrieanlagen, die Privatisierung und Neuorganisation der großen technischen Infrastrukturen wie Bahnanlagen und Häfen, der Abbau und die Neuorganisation von kommunalen und sonstigen öffentlichen Einrichtungen und insbesondere die Konzentration des Einzelhandels in großen Zentren verändern unsere Städte und die Gebäudenutzung grundlegend.“

Handelsverband BAG und Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Gemeinsame Resolution zum Denkmalschutz und Einzelhandel in deutschen Städten, Präambel. Berlin und Bonn, Juni 2008

Dass in Zeiten klammer kommunaler Kassen vor allem Erfordernisse der Wirtschaftlichkeit den Umbau der Innenstädte und gründerzeitlichen Stadtquartiere leiten, lässt Denkmalpfleger sorgenvoll auf die Rückkehr des Handels in die historischen Zentren blicken. Vor allem Entwickler von Einkaufszentren

„begnügen sich nicht mehr damit, die Silhouette der Altstadt ihrem Logo zu inkorporieren, sondern machen die Altstadt selbst zu ihrer Firmenwerbung. […] Die privaten Zonen des Kommerzes wuchern mehr und mehr in den touristisch aufbereiteten öffentlichen Raum […].“

Ingrid Scheurmann: Stadtbild in der Denkmalpflege: Begriff – Kontext – Programm. In: Brandt, Sigrid / Meier, Hans-Rudolf (Hrsg.): Konstruktion und Rezeption von Bildern der Stadt. Stadtbild und Denkmalpflege, Band 11. Berlin 2008, S. 146

Wie weit die Städte dabei die Regie aus der Hand geben, ließ sich vor Kurzem in Leverkusen verfolgen, wo das Rathaus aus den 1970er Jahren und das benachbarte Stadthaus von 1953 für die „Rathaus-Galerie“ abgerissen wurden. Zu ihrer Eröffnung 2010 bezeichneten sie Zentrumsbetreiber wie Bürgermeister als „neue Stadtmitte“ – und das zu Recht, denn für die Stadtverwaltung mietet Leverkusen nun Flächen in den Obergeschossen des Centers an. Der zentrale Ort des städtischen Gemeinwesens ist nicht mehr in öffentlicher Hand.

Oft widersprechen innerstädtische Einkaufszentren nicht nur den Forderungen von Denkmalschützern, Raum- und Stadtplanern, sondern auch den Ansprüchen der Gesellschaft an eine durch urbane Vielfalt geprägte und von Zeugnissen historischer wie jüngerer Stadtwerdung bereicherte Lebensumwelt. Nahezu alle Projekte der vergangenen Jahre riefen massiven – wenn auch meist wirkungslosen – Widerstand in der Bevölkerung hervor: Unter Protesten wurden in Görlitz 2001 ein gründerzeitlicher Straßenzug sowie das einstige Wilhelm-Theater für das City-Center Frauentor abgebrochen, das in direkter Nachbarschaft des (inzwischen leerstehenden) Görlitzer Jugendstil-Warenhauses entstand. In Duisburg wich 2005 die Mercatorhalle aus dem Jahr 1962 dem City Palais, einem Komplex mit Handelsflächen, Spielcasino sowie einem Veranstaltungszentrum inklusive „neuer Mercatorhalle“. 2010 wurde das ehemalige Kaufhaus am Brühl in Leipzig abgerissen – mitsamt der Aluminiumfassade, die es als Konsument-Warenhaus erhielt. Der darunter verborgene Jugendstil-Bau machte Platz für das Einkaufszentrum „Höfe am Brühl“. Aktuell streitet man in Altenburg in Thüringen um eine Neubebauung des Areals am Markt, für die zwei denkmalgeschützte Wohnbauten fallen sollen.

Meist gehen Verluste einzelner denkmalgeschützter Bauten mit Beeinträchtigungen städtischer Ensembles und kleinteiliger historischer Stadtstrukturen einher.

„Da werden Städte in der Stadt errichtet, sie werden hineingedonnert mit Abrissbirne und Presslufthammer, auch wenn es im alten Geflecht der Straßen und Giebelhäuser in Celle, Hameln oder sonst wo viel zu eng ist für eine dieser üblichen Großpassagen.“

Hanno Rauterberg: Bunte Langeweile. In: Die Zeit Nr. 44 vom 26. 10. 2006 (Dossier), S. 19

Die Kommunen begreifen Einkaufszentren als Chance und setzen auf ihre Kaufkraftbindung in der Konkurrenz zu Gemeinden im Umland. Um die wirtschaftliche Basis der Stadt zu stärken, nehmen sie Eingriffe in das historische Stadtbild in Kauf. Besonders in strukturschwachen Regionen sind innerstädtische Center das Mittel der Wahl gegen eine drohende Verödung der Zentren und für die Prosperität des eigenen Standorts.

„Für viele Bürgermeister erscheinen die Innenstadt-Center inzwischen sogar als letzte Chance, um die ökonomische Basis der Stadtkerne zu retten.“

Ulrich Hatzfeld: Shopping(-Center) ohne Ende? Oder: Kritik der reinen Vernunft. In: Shopping_Center_Stadt. Urbane Strategien für eine nachhaltige Entwicklung. StadtBauKultur NRW, Gelsenkirchen 2003, S. 84/87

Während die Kommunen aber eine gesamtstädtische Belebung anstreben, werden Shopping-Center als selbstgenügsame Komplexe entwickelt. In der klassischen Form funktioniert ein Einkaufszentrum gut, wenn der Kunde dort alles finden kann, was er braucht – Waren, Verweil- und Parkplätze. Die meisten Center sind deshalb nach wie vor nach innen ausgerichtet und suchen keinen Anschluss an umgebende Geschäftslagen, an die sie Passanten verlieren könnten.

Die Auswirkungen, die solche geschlossen konzipierten Einkaufszentren auf ein Denkmalgefüge haben, lassen sich in Hameln und an der dort 2008 eröffneten Stadtgalerie exemplarisch nachvollziehen. Die von Kaufmanns- und Handwerkerhäusern der Renaissance, des Barock und Klassizismus geprägte Altstadt an der Weser gilt seit 1975 als Musterbeispiel für die erhaltende Erneuerung eines historischen Stadtbildes, dessen Fachwerkbestand mit Städtebauförderungs- und Denkmalschutzmitteln in weiten Teilen gesichert wurde. Um sie wirtschaftlich zu stärken, setzte ihr Rat in den frühen 2000er Jahren auf die Ansiedlung eines Centers.

Hamelns Oberbürgermeister erklärte, die Stadt greife damit

„steuernd ein, um den Kaufkraftabfluss auf die grüne Wiese und in benachbarte Oberzentren zu stoppen. Wir verstehen die Ansiedlung der ‚Stadtgalerie Hameln‘ als deutliches Signal, die Innenstadt zu stärken. Allein das ist unsere Motivation. […] Im Übrigen bin ich der Meinung, dass sich auch eine mittelalterlich geprägte Innenstadt den heutigen Anforderungen stellen muss.“

Klaus Arnecke in einem Interview mit der Deister- und Weserzeitung am 03. 12. 2004 im Wortlaut der Pressemeldung der Stadt Hameln vom 03. 12. 2004

Einen großen Teil der für die Stadtgalerie benötigten Fläche von 12.700 qm gewann man mit dem Abbruch eines SB-Marktes aus den 1970er Jahren. Allerdings fielen auch zwei unter Denkmalschutz stehende Gebäude: ein Fachwerkbau und das ehemalige Kreishaus am Pferdemarkt, dessen Fassade als Portal für das Center am zentralen Altstadt-Platz weiterverwendet wurde.

Neben dem Verlust der Einzeldenkmale ist es vor allem die Dimension des neuen Baukomplexes, der den Zielen einer behutsamen Revitalisierung der Innenstädte widerspricht. Die Grundforderung der Denkmalpflege, bei Hinzufügungen zum Bestand die vorhandenen städtebaulich-architektonischen Proportionen zu wahren, haben auch in Hameln Niederschlag in einer Gestaltungssatzung gefunden. Nichtsdestotrotz belegt die Stadtgalerie zwei historische Blocks, überschreibt damit ursprüngliche Straßenverläufe und macht einen großen innerstädtischen Bereich zwischen Weserufer und Altstadt-Platz unpassierbar. Die Fassaden fungieren, bis auf diejenige am Pferdemarkt, hauptsächlich als Werbeträger, die Straßenfronten sind flächig geschlossen und nehmen dem öffentlichen Raum Attraktivität.

In einem Brief an die Stadt Hameln mahnte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, das geplante Einkaufszentrum würde

„die Struktur der hochkarätigen historischen Altstadt Hamelns empfindlich stören und wirtschaftlich der Erhaltung der historischen Bebauung sehr schaden. […] Denn auch mit einer Fassadenkosmetik in Putz und Sandstein lässt sich eine derartige Baumasse nicht in die sensible Struktur der historischen Bebauung integrieren. Der geplante Bau bemüht sich in keiner Weise um einen Dialog mit der bestehenden Bebauung, sondern tritt mit einer Rücksichtslosigkeit auf, die man aus den sechziger und frühen siebziger Jahren kennt und für überwunden gehalten hatte.“

Offener Brief an den Rat der Stadt Hameln vom 03. 12. 2004, unterzeichnet von Gottfried Kiesow und 63 weiteren Denkmalpflegern, Architekten und Hochschullehrern

Grundsätzlich ist das Interesse des Denkmalschutzes mit anderen öffentlichen Interessen abzuwägen – in diesem Fall mit dem Leitbild, die Funktionsfähigkeit der Innenstadt zu stützen. Als vorrangig nennt das Stadtentwicklungskonzept von Hameln:

„Die wichtigsten Entwicklungsfelder der Stadt Hameln sind die Bevölkerungs- und die Wirtschaftsentwicklung. Ziel ist es, Hameln als attraktiven Wohn- und Wirtschaftsstandort zu profilieren und die Bevölkerungszahl zu konsolidieren und zu steigern.“

Stadt Hameln, der Oberbürgermeister: Stadtentwicklungskonzept Hameln Oktober 2000. Hamelner Schriften zur Stadtentwicklung Heft 6, S. 1

Für die Einzelhandelsentwicklung definiert das Konzept daraus folgernd:

„Das Flächenangebot für den Einzelhandel muss in der Kernstadt erweitert werden, insbesondere sind großflächigen Einzelhandelsbetrieben mit überregionalem Einzugsbereich im Kernbereich Ansiedlungsspielräume in stadtverträglichem Umfang zu eröffnen. […] Vorrangiges Ziel ist hierbei aus Sicht der Stadt Hameln, einer unkoordinierten Einzelhandelsentwicklung ‚vor den Toren‘ der Stadt entgegenzuwirken.“

Stadt Hameln, der Oberbürgermeister: Stadtentwicklungskonzept Hameln Oktober 2000. Hamelner Schriften zur Stadtentwicklung Heft 6, S. 6

Um dieses Ziel zu erreichen, setzte die Stadt auf ein geschlossenes Center-Konzept des Entwicklers ECE. Trotz aller Einwände der Denkmalpflege und der Bürgerschaft beschloss der Hamelner Stadtrat den Bebauungsplan für die Stadtgalerie unverändert.

„Schwerwiegende Bedenken aus Sicht des Denkmalschutzes, die im Vorfeld […] vorgetragen wurden, sind damit in der Abwägung als letztlich vernachlässigbare Randbemerkungen abgewertet worden.“

Stellungnahme von Christiane Segers-Glocke, Präsidentin des westfälischen Amtes für Denkmalpflege, zum B-Plan 727 ‚Stadtgalerie Hameln‘ in einem Brief an die Stadt Hameln vom 21. 01. 2005

Abbrüche von Denkmalen sind irreversibel, ebenso die Auflösung kleinräumlicher Stadtstrukturen und der gewachsenen Mischung von Wohn- und geschäftlicher Nutzung. Die Frage schließlich, wie Komplexe von mehreren zehntausend Quadratmetern umzunutzen oder rückzubauen sind, stellt sich schon heute akut in solchen Kommunen, die im Verdrängungswettbewerb der Einkaufszentren untereinander verlieren und trotz aller Anstrengungen Abwanderung und Kaufkraftverluste hinnehmen müssen. In jedem Fall zieht die Missachtung von Ensembleschutz-Vorgaben den umgebenden historischen Baubestand nachhaltig in Mitleidenschaft, und das nicht nur in ästhetischer Hinsicht:

„Mit der Entwicklung neuer Verkaufsflächen ist naturgemäß auch das Absterben bereits vorhandener Einkaufsbereiche verbunden. In Städten mit einem großen Bestand an historischen Bauten kann es dazu führen, dass Baudenkmäler von ihren privaten Besitzern nicht mehr unterhalten werden können, weil ihre wichtigsten Mieter – nämlich die Einzelhändler – abhanden kommen.“

Holger Pump-Uhlmann: Angriff auf die City? – Was bringt die Shopping-Center-Invasion den Innenstädten? In: Denkmalpflegerischer Umgang mit großflächigem Einzelhandel. Dokumentation der Tagung vom 14. bis 16. 11. 2007 in Göttingen (Berichte zu Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland, Band 14). Petersberg 2008, S. 23/25

Die benannten Verluste und Störungen wären umso schmerzhafter, wenn sich herausstellen sollte, dass das mit ihnen erkaufte Ziel nicht erreichbar ist. Mehrere aktuelle Untersuchungen weisen darauf hin, dass Innenstadt-Center sehr wohl gute Umsätze erzeugen, sie in benachbarten Lagen aber sinken lassen und dort häufig einen drastischen Verfall der Mieten mit sich bringen.

„Die oftmals aufgestellte Behauptung, dass durch die Ansiedlung eines Shopping Centers in Innenstadtlage die Kaufkraftzuflüsse aus dem Umland erhöht und die Zentralität einer Stadt gesteigert werden könnte, war im Rahmen des Forschungsprojekts empirisch nicht zu belegen.“

Thomas Krüger, Monika Walther: Auswirkungen Innerstädtischer Shopping Center auf die gewachsenen Strukturen der Zentren. Aus den Projektergebnissen des DFG-Forschungsprojekts der HafenCity Universität Hamburg, 2006–2010, DFG-Datenbank Gepris. Vgl. auch Monika Walther: Im Zentrum der Stadt. Wirkungen und Nebenwirkungen innerstädtischer Shoppingcenter. In: archithese 5.2008, S. 55-59

Die Suche nach Lösungen, wie der Handel verträglich in die historischen Stadtkerne zurückzubringen ist, tut Not. Einige Städte haben bereits vielversprechende Ansätze erprobt. In Münster etwa sind mit dem Hanse-Carrée und der Stubengasse kleinteilige, drei- bis viergeschossige, nach außen gerichtete Gebäudestrukturen in den Grenzen der gewachsenen innerstädtischen Blocks entstanden, die auf die Nutzung und Reaktivierung vorhandener Straßen setzen; im Fall der lang umkämpften Münster Arkaden wurde mit einer öffentlichen Passage durch das Center hindurch zumindest eine Verbindung benachbarter Geschäftsstraßen geschaffen. In Erfurt erweiterte man im Jahr 2000 die Flächen des angestammten Kaufhauses Römischer Kaiser von 1908 zum Einkaufszentrum „Anger 1“, anstatt, wie 2001 in Görlitz, dem benachbarten historischen Warenhaus Konkurrenz zu machen. Und dass auf große Flächen angewiesene Händler auch ohne Center-Umgebung in historischen Städten Raumangebot finden können, zeigt das Beispiel Detmold. 2008 zog dort in den fürstlichen Marstall am Schlossplatz, seit den 1960er Jahren Sitz der Stadtverwaltung, ein schwedischer Mode-Filialist ein, ohne dass der Bau von 1784/85 erweitert werden musste. In Celle, wo mehrere Centerkonzepte jahrelang heftig diskutiert und schließlich verworfen wurden, sucht man zur Zeit mit einem Planungswettbewerb im Rahmen des Programms „Städtebaulicher Denkmalschutz“ nach dezentralen Lösungen für eine zeitgemäße Nutzung der Kernstadt. In den kommenden Jahren wird dort zu verfolgen sein, wie Einzelhandel mit der Weiterentwicklung historischer Baublöcke in eine nutzungsgemischte Altstadt zu integrieren ist.

Es scheint offensichtlich, dass die Großform Einkaufszentrum, die an der Peripherie in gänzlich ungestalteten Räumen entstand und sich daher folgerichtig gegen die Umgebung abschottete, nicht ohne weiteres in die urbane Mitte übertragen werden kann – weder verblendet mit der annähernd rekonstruierten Hülle eines ehemaligen Residenzschlosses wie in Braunschweig, noch mithilfe vorgesetzter Denkmalreste wie in Hameln. Um sich in den Gebäudebestand der historischen Stadt zu integrieren, müssen Handelsflächen auf eine Gruppe von Bauten verteilt werden, sich in den Grundriss einpassen, der umgebenden Bebauung öffnen und deren Proportionen aufgreifen. Sie dürfen Wohn- und öffentliche Bauten nicht ersetzen, sondern in Mischung mit ihnen entstehen, damit aus der städtischen Mitte keine Geisterstadt wird. Auf Denkmalabbrüche sind so gedachte Handelsbauten nicht angewiesen.

Literatur:

Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Denkmalpflegerischer Umgang mit großflächigem Einzelhandel. Dokumentation der Tagung vom 14. bis 16. 11. 2007 in Göttingen (Berichte zu Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland, Band 14). Petersberg 2008

Anne Mayer-Dukart: Handel und Urbanität. Städtebauliche Integration innerstädtischer Einkaufscenter. Schriftenreihe Stadt + Landschaft, Städtebau-Institut, Universität Stuttgart. Stuttgart 2010

Revitalisierung der Innenstadt – Denkmalpflege als Bestandteil der Stadtentwicklung. Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 71. Bonn 2008 DNK-Schriftenreihe

Internetvereise u.a.: 

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung: Ergebnisse einer Studie zur Reurbanisierung der Innenstadt, 2010

Baustein. Magazin für Stadtentwicklung, Denkmalpflege und Baukultur des Netzwerkes Stadtforen 01|2011, hier: Kontroverse um das Areal am Markt in Altenburg/Thüringen (PDF)